Vom inneren Kind und jüngeren Ich

Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Eine Klientin von mir arbeiten für ein Unternehmen, ihr neuer Chef ist autoritär und dominant mit leichten Hang zum Choleriker….

Ihr Chef bestellt sie kürzlich in harscher Tonlage zu einem sofortigen Meeting.
Was glauben Sie passierte dort meiner Klientin? Vom Inhalt des Meetings konnte Sie wenig berichten, sie fühlte sich vollkommen überrollt als Ihr Chef sehr laut wurde und wild gestikulierte, irgendwie hatte mit einem Fehler in der Buchhaltung zu tun, der nicht mit ihrem „Unvermögen“ (so nannte es ihr Chef) zu tun hatte. Meine Klientin konnte dies aber nicht klarstellen, sie fühlte sich klein und reagierte mit Schockstarre und dem Gefühl neben-sich-zu-stehen.
Danach kochte sie vor Wut auf sich selber, und über diese maßlose Ungerechtigkeit ihres Chefs, fühlte sich beschämt wegen der unwürdige Abkanzelung vor den anderen Mitarbeitern.

Obwohl dieses Ereignis schon länger zurückliegt kommen ihr die Tränen und sie ist höchst emotional. Was passierte mit dieser – wie ich finde sehr kompetenten gebildeten erwachsenen Frau Mitte 30ig mit Berufserfahrung?

Frau S. wie ich sie hier nenne, ist mit dem ICE in ihre Kindheit hineingefahren. In dem Augenblick wie ihr Chef sie ungerechtfertigt in eine blamierende Lage bringt ist sie auf einmal gefühlte 9 Jahre alt und nicht Mitte 30ig.
Der Chef wird zum „Trigger“ (Schlüssel) ihrer Kindheit, die wie sie erzählt geprägt war von dominanten cholerischen Männern, sei es der eigene Vater sowie einige Lehrpersonen.

Vielleicht kennen Sie auch diese Situation und können mit Frau S. mitfühlen?
Aber was hilft gegen diesen ICE in die Vergangenheit?
In uns gibt es verschiedene Persönlichkeitsanteile, die berühmte Trauma-Therapeutin Reddemann benennt es auch das „innere Kind“. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen mit dem Begriff Kind nicht so viel anfangen können, ich nenne es lieber das jüngere Ich (kann ja auch in einem anderen Lebensabschnitt passiert sein). Der jüngere Anteil von uns ist höchst emotional in uns abgespeichert und meist leidet er noch enorm an damaligen Verletzungen. Die Ratio hat oft nicht den Zugang zu diesem emotionalen Teil.

Strategien zum Festigen ihrer Persönlichkeit:

  • Machen sie sich ihren verletzbaren Teil bewusst
  • Haben sie Verständnis für ihr jüngeres Ich
  • Imaginieren sie ihr jüngeres Ich (Welches Alter wie sah ich damals aus) nehmen sie ein Symbol für diesen Persönlichkeitsteil (Stein, Bild, etc)
  • Sagen Sie ihrem jüngeren Anteil dass Sie jetzt erwachsen sind, verfestigen Sie ihr Erwachsenes -Ich

Warum wir lieber leiden

….oder warum Veränderungen schwierig sind?

Im Wartezimmer beim Zahnarzt hörte ich unfreiwillig bei der Aufnahme von Patienten zu. Es scheint, dass kurz vorm Feiertag alle Schmerzpatienten akut einer Behandlung bedürfen. Auf die sehr verständnisvolle Frage der Sprechstundenhilfe wie lange der Schmerz sich bemerkbar mache, antworteten die meisten Patienten:“ schon einige Tage bis Wochen“

Ich stellte mir die Frage: Warum halten Menschen den Schmerz so lange aus bevor sie sich Hilfe holen?

  • Meist leben wir nach dem Konzept: die Signale meines Körpers werden bis zum „geht nicht mehr“ ignoriert.
  • Termine und andere Verpflichtungen lenken im alltäglichen Hamsterrad davon ab, sich endlich um sich selber zu kümmern.
  • Viele sehen Schmerz als „Schwäche“ den man auszuhalten hat.
  • Manche haben auch das sehr skurrile Konzept, beim Arzt erst richtig krank zu werden. Wenn eine Diagnose gestellt wird, fühlt man sich nicht nur im Leid bestätigt sondern auch erst als Patient.

Auch als Psychotherapeutin mache ich immer wieder die Erfahrung dass Menschen sehr viel ertragen bevor sie sich bei mir melden, meist ist der Leidensdruck bereits sehr hoch.

Aber warum lassen Sie nicht früher Hilfe zu?

Die meisten Menschen leben nach inneren Glaubenssätzen die sich im Alltag in unserem Handeln wiederspiegeln:
Jeffry Young , der Begründer der Schematherapie nennt das abspeichern von emotionalen Erleben auch Schemata die in uns fix verwurzelt sind. Neurobiologische Prozesse werden aktiviert, die Nervenzellen werden immer wieder in gleicher Weise bei intensiver emotionaler Belastung aktiviert, die Neuronen wirken immer besser auf gleicher Weise zusammen, bei ähnlichen Situationen greifen wir auf die bekannten Handlungsstrategien zurück – auch wenn sie schädlich für uns sind.

Natürlich sind viele dieser Schemata auch bereits in unserer Kindheit verankert, so kann es passieren dass wir in einer Situation auf einmal nicht mehr im gesunden „Erwachsenen –Ich“ reagieren sondern im „verletzten Kind –Modus“, oder unsere „inneren Elternteile“ in uns die Oberhand gewinnen.

Aber zurück zur Frage warum halten manche Menschen Leid aus bevor sie erkennen dass Sie Hilfe benötigen?

Einige negative Glaubenssätze die hier wirksam sind:

  • Was mich nicht umbringt macht mich nur stärker !(Erdulde deinen Schmerz)
  • Alle anderen sind wichtiger! (Vernachlässige dich)
  • Nimm dich nicht so wichtig! (Setzte deine Bedürfnisse an letzte Stelle)
  • Vertraue keinen anderen! (Bewältige es alleine)
  • Wer Hilfe braucht ist schwach! (Sei immer stark – zeige keine Schwäche)
  • Was wird mir das schon bringen? (Resigniere bevor du neue Perspektiven zulässt)

….und der Favorit wenn es um seelisches Leiden geht:

Psychische Krankheiten sind nur eingebildet, ich habe doch keinen Vogel? (Stigmatisiere dich und andere Menschen)

In der Psychotherapie geht es unter anderem darum, destruktive und selbstschädliche Glaubenssätze ausfindig zu machen und neue alternative Verhaltensmöglichkeiten zu entdecken und zu trainieren.

Als Erfolgsindikator für eine gelungene Therapie sehe ich, wenn meine Patienten zu mir am Abschluss der Sitzung anmerken:

„Bevor es nicht mehr geht, werde ich mich wieder melden!“